| Entartet, denn der Künstler ist zu vielseitig. | - | Entartete Kunst 2018 |

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Vorwort

Entartete Kunst – dieses Thema werde ich erneuern.
Ich mache es nicht als Provokation oder Polemik, wie die eine oder der andere vielleicht denken können. Ich rufe das Thema nicht auf,
weil ich die anderen verletzen will, sondern um meine Wunden zu heilen.
In Deutschland sind Begriffe wie Konzentrationslager, Gaskammer oder Entartete Kunst nur auf Nazideutschland monopolisiert.
Ich durchbreche dieses Monopol mit meinem Thema. Ich verurteile es, wie es damals war.
Aber ganz wichtig ist für mich die Feststellung, dass es heute auch so ist.

Entartete Kunst 2018.

Ich bin Berzan Kejo.
 
In Syrien wurde ich verboten als Künstler, der nicht der Baath Partei angehört und deshalb nirgendwo in den öffentlichen Galerien und Ausstellungshallen ausstellen konnte.
Die Baath Partei wollte mich als ihr Sprachrohr, so hätte ich mich als Künstler zum Erfolg durchschleichen können.
 
Und im demokratischen Deutschland?
 
In Deutschland muss ich mich an die vorherrschenden Themen bzw. die Modekunst anpassen oder ich und meine Kunst müssen draußen bleiben.

Das beschäftigt mich: Flucht und ihre Folgen.
Es ist mein Leben. Vor 33 Jahren ging ich ins Exil, suchte Schutz für Leib und Leben und für meine Kunst.
Meine Themen sind der Mensch, die Gerechtigkeit und menschliches Leiden unter Ungleichheit, Isolation und Ausgrenzung.
Seit März 2011 treibt mich die syrische Revolution an.
Der tiefe Fluss meiner Emotionen ist zu einem reißenden Strom geworden. Meine Kunst ist mein seelisches Brot, meine Werke sind Spiegel meines Ich.
Meine Kunst ist auch mein Widerstand.
Widerstand gegen neuen und alten Rassismus, gegen subtile Ausgrenzung.
Dies habe ich vor mehr als 30 Jahren gesagt und jetzt noch mehr.

Demokratie bedeutet Schutz der Vielfalt, und jeder Künstler hat seine Prioritäten und eigene Themen.

Ich bin kein Sprachrohr für niemanden, weder für eine Partei, noch für eine Religion, noch für sonstige Gruppierungen,
sondern nur für Menschlichkeit und Gerechtigkeit.
Aber egal, wie ich mich hier benenne,
ob ich säkular bin oder nicht,
ich bin als Kurde, Nahostler, Syrer, Moslem und Schläfer etikettiert und so werde ich auch behandelt.
Auch in Deutschland muss ich zu einer Partei oder einer Religion oder Sekte gehören, um überhaupt einen Platz in der Kunst und Kultur zu haben.
Ich habe in wenigen Monaten viele Absagen von Galeristen, Museen und Kunstinstitutionen in Deutschland bekommen.
Unter den hunderten von Absagen waren drei Zusagen. Diese drei waren keine Deutschen, sondern Ausländer.
Als ich die Absagen bekommen habe, habe ich die Seiten dieser Absager besucht.
Ich sah ungewaschene Unterhosen und Kautschukpenisse.
 
Wer beurteilt, was Kunst ist?
Die Geld- und Machthaber, in deren Strategie das eine passt und das andere nicht?
Hat es mit Themen zu tun? Ist in Deutschland das Thema Flucht und ihre Folgen, so wie ich es sehe, ein Tabu? Die öffentliche Meinung ist bestimmt von den Mehrheitsmedien. Andere Sichtweisen, wie meine und viele wie mich, werden unter den Tisch gekehrt.
 
Entartet: anders denken, malen oder schreiben.
Entartet, sagen meine viele Absagen.
Entartet, denn der Künstler selbst und seine Werke sind ein Eindringling.
Entartet: jede Kunst, die nicht im Mainstream mitmacht.
Entartet, sagt der rote Strich über Namen und Herkunft.
Entartet: das Kind im Märchen vom Kaiser mit den neuen Kleidern.
Entartet, denn der Künstler ist zu vielseitig.

Ich weiß ganz genau, dass Kunst ein starkes Werkzeug sein kann, eine edle Art zur Veränderung der „menschlichen Köpfe“, des Bewusstseins.
Kunst kann Bewusstsein verändern, erneuern und zum Erwachen bringen.
Weil Kunst ein zart wirkender Antrieb ist, darf sie nicht in falsche Hände kommen, denn die Künste haben alle Revolutionen gezündet und aufgebrodelt.
Ich weiß auch, dass dieses Mittel oder Instrument nicht jeder haben darf, auch ich.
Es besteht kein Interesse daran, jegliche fremde und ernsthafte Themen in dieser Branche bekannt zu machen.
 
Desinteresse ist die höchste Form der Zensur.
Die Elite lässt niemanden dazu gehören, außer denen, die für sie propagieren. Oder die sich spezialisiert haben, wie Küchenkunst oder Badezimmerkunst oder…
 
Hat die Elite Angst vor unkontrollierter Botschaft meiner Künste?
 
Migration ist die Suche nach Heimat, nach einem Ort, wo man „adoptiert“, wo man aufgenommen wird.
Migration ist keine Einbahnstraße. Integration sind zwei Schritte.
Jeder macht einen Schritt, damit man in der Mitte zusammen kommt.
Solange man Migranten nur als Last und Chaosverursacher, als Gewalttäter und Eindringlinge sieht und alle in einen Topf schmeißt, und nicht als kulturelle Bereicherung des Horizonts des „Gastgeberlandes“, bleiben alle formellen integrativen Bemühungen unwirksam auf der Strecke stehen.

Seit mehr als 30 Jahren frage ich mich jeden Tag:
Wann werde ich wie ein gleichberechtigter Mensch, Künstler und Autor behandelt?
Solange ein Ausländer in Deutschland Döner verkauft oder als Straßenfeger arbeitet, passt alles ins Bild.
Aber wehe, wir klopfen an Türen, die nicht für uns bestimmt sind.
Kein Migrant erwartet fliegende Brattauben von Himmel im Aufnahmeland.
Fremd sein ist eine Prüfung, die nicht jeder besteht.
Wie kann ein Künstler bekanntwerden, wenn ihm die Möglichkeit zu Ausstellungen subtil blockiert wird?

Entartet: wenn die Minderheit über die Mehrheit herrscht.
Entartet: wenn die Demokratie zu einer sauberen Diktatur wird.
In Syrien war der Tyrann grob, und es war mir verständlich, dass ich als Staatenloser und meine Kunst als entartet deklariert wurde.

In meinen Ausstellungen in Deutschland treffe ich viele Besucher, die meine Werke mit Begeisterung aufnehmen und sich im Herzen berührt fühlen.
Da bemerke ich den riesigen Unterschied zwischen den Menschen, die an Kunst interessiert sind und den Lobbyisten des herrschenden Kunstgeschmacks.
In Syrien wird all dies von einer Familie gesteuert und in Deutschland von einer erbarmungslosen Schicht beherrscht.

Ich bin vom Regen in die Traufe gekommen.

Kunst ist für mich nicht nur die schöne Seite, Kunst ist auch grau, düster und angreifend.
Kunst ist für mich der Geist zur Veränderung.
Und auch die Formulierung der Gerechtigkeit und Gleichberechtigung.
Aber nicht vergessen:
Durch Entartete Kunst entsteht mehr Widerstand, Kraft, Mut und Kreativität zu kämpfen.
30 Jahre Kampf um Freiheit und Gerechtigkeit für den Menschen und die Kunst.

Entarten ist Rassenhass, Diskriminierung
Entarten ist die höchste Stufe des Fundamentalismus
Entarten ist wie ein KZ ohne sichtbaren Stacheldraht und mit Minigiftvergaser  
Entarten ist, wenn die Täter die Rolle des Opfers spielen
Entarten ist jemanden aus seiner Haut ziehen
Entarten ist Faschismus

Und weil ich mir sehr sicher bin, dass ich nicht allein bin und dass es noch sehr viele Kulturschaffende mit meiner Sicht gibt, die diese Erfahrungen gemacht haben, will ich über die moderne entartete Kunst und ihre neuen Folgen zu einer weltweiten Kommunikation kommen.
Diese Art Aufruf bzw. das Thematisieren von entarteter Kunst ist mein einziger Brief, mich und meine Künste gut vorzustellen und es kommt nicht aus heiterem Himmel, sondern aus tiefen Erfahrungen, die auch tief gewirkt haben auf mich und meine Kunst, wie Brandstempel für die Ewigkeit markiert.

Immerhin habe ich mit vielen Mittätern von ausländischen Kulturschaffenden in diesen Jahren vieles für die Gleichberechtigung und die Toleranz gemacht, in einer versteinerten deutschen Gesellschaft. In einer Gesellschaft, die Fremde nur als Kriminelle sieht.
Darauf bin ich stolz!

All das in Deutschland im angeblichen Land der Dichter und Denker.

Ich bin wie das Feuer: je mehr man hineinpustet, umso brüllender werde ich.
Ich suche nicht nach Feinden, sondern nach Freunden, auf gleicher Augenhöhe.
Ich bin ein fruchtbarer Baum, der nach seinem Platz in der Plantage sucht.

„Wer kämpft, kann verlieren, wer aber nicht kämpft, hat schon verloren.“


 






Gefällt mir nicht, Einspruch!

Kein Flüchtling verlässt seine Heimat freiwillig.

Nach mehr als 30 Jahren leben im Exil, in Deutschland:
Die Deutschen sagen: "Wir sind in einem demokratischen Land."
Ich antworte: „Ich spüre diese Demokratie nicht.“
Was ich spüre, ist:
Mehr als 30 Jahre Unzufriedenheit, Ausgrenzungen, Diskriminierung, Fremdsein, Niemandsein.
Und mehr als 30 Jahre mich in Schweigen hüllen bedeutet nicht, dass ich ja zu allem gesagt habe und alles gut fand.
Das Warten, dass eines Tages der Stein weich wird und dass ich diese Demokratie spüren kann.
Und sie nicht nur vorgegaukelt bekomme.
Das Warten, dass eines Tages alles anders wird, hat seine Obergrenze erreicht. Die Schmerzen auch.

Ich wurde vier Jahre bestraft, ohne dass ich irgendein Verbrechen begangen habe.

Ich erneuere nun die Entartete Kunst. Ich weiß, dass viele Deutsche daran Anstoß nehmen werden.
Einige werden sagen:
"Er spinnt, das kann nicht sein, er lügt. In unserem demokratischen Deutschland gibt es so was nicht mehr.
Er hasst uns.
Das ist ein Vorurteil. Warum ist er noch hier?“
Ich antworte: „Flucht ist nicht so einfach wie von einem Haus zu einem anderen zu gehen. Fragen Sie mich.“

Mein Asyllager war für mich wie ein Konzentrationslager, ein modernes Konzentrationslager, darin habe ich vier wertvolle Jahre meines Lebens verloren, es gab Ausgangssperre, und einen Haufen an Verboten. Das war im Deutschland von 1986-1990, ein verbotenes Land war es für uns, nur das Überleben war erlaubt.
Jetzt heißen die neuen Konzentrationslager Transitlager und Ankerzentrum.

Gaskammer bedeutet heute, wenn der Sauerstoff für einen Menschen blockiert oder gestoppt wird.
Sauerstoff bedeutet für mich und viele andere die Anerkennung, Gleichberechtigung und Chance zur Entfaltung.

Das große Problem der Deutschen ist die deutsche Verfassung, die ist für hochsensible Menschen geschrieben, und jedenfalls nicht für die jetzigen Deutschen.
Die deutsche Verfassung ist weit weg von dem Niveau des allgemeinen deutschen Denkens und Handelns.

Ich gebe zu, es gibt eine ganz kleine Schicht in Deutschland, die außerhalb ihrer Teller blickt und was sehen will.
Die sind aber zu wenig um irgendeine Veränderung hier im Land machen.

Alles, was ich schildere, bezieht sich auf mich und ist aus meiner Sicht. Als Kurde, Syrer, Ausländer und Künstler, der in einem von Fremdenhass beherrschten Land wie Deutschland festsitzt.
Ich hätte gerne ganz das Gegenteil über ein Land wie Deutschland gesagt, in dem ich mehr als die Hälfte meines Lebens verbracht habe.
Aber ich kann mich nicht mehr belügen, vor allem, wenn es um mich geht, um mein Leben, meine Würde, mein Menschsein und Künstler sein.
Demokratie bedeutet, zu reden und zuzuhören. Ich habe Deutschland und den Deutschen mehr als 30 Jahre vergeblich zugehört.
Nun komme ich zu Wort.










| Entartet, denn der Künstler ist zu vielseitig. || Berzan Kejo: Entartete Kunst 2018 | In Syrien wird all dies von einer Familie gesteuert und in Deutschland von einer erbarmungslosen Schicht beherrscht.
:  Die bissige Kunst,  Künstler kann nicht jeder werden, Entartet, sagen meine viele Absagen, Ich bin vom Regen in die Traufe gekommen.
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